Fachbereich Bildungswissenschaft der Alanus Hochschule

Waldorfpädagogik / Schule und Unterricht, Kindheitspädagogik, Heilpädagogik, Lehramt Kunst, Pädagogische Praxisforschung

„Heilpädagogen müssen Brückenbauersein“

Die theoretischen Grundlagen der Anthroposophie werden zwar oft kontrovers diskutiert, nichtsdestotrotz findet ihre Anwendung an heilpädagogischen Schulen große Anerkennung. In einer aktuellen Studie wird zum ersten Mal die heilpädagogische Waldorfpädagogik aus Sicht der Lehrerinnen und Lehrer empirisch untersucht. Im folgenden Gespräch dienen die Ergebnisse dieser Studie den Autoren Dirk Randoll und Bernhard Schmalenbach, beides Professoren an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, sowie Manfred Trautwein, Geschäftsführer bei Anthropoi Bundesverband anthroposophisches Sozialwesen e.V. und Hendrik Woudenberg, Leiter der Jugendhilfeeinrichtung Ziegelhütte, als Grundlage für einen interessanten Austausch. Die vier Experten beleuchten zudem das Berufsbild des Lehrers an heilpädagogischen Waldorfschulen und diskutieren über notwendige Entwicklungsschritte dieser Schulen.

Heilpaedagogen

Frage: Wie kam es zu der Studie?

Dirk Randoll: Mich hat – sowohl als damaliger Schulvater als auch als Bildungsforscher – schon früh die Qualität von Schule aus der Perspektive der Betroffenen interessiert. Daher habe ich sehr viele Schülerbefragungen an verschiedenen Schulformen durchgeführt. 2011 entstand die Idee, eine Waldorflehrerbefragung zu realisieren. Zentrale Fragestellungen waren: Unter welchen Bedingungen arbeiten Waldorflehrer? Was motiviert sie, an einer Waldorfschule tätig zu sein? Welche beruflichen Biografien haben sie? Daraus entstand eine größere Studie mit über 1.800 Befragten, die 2013 veröffentlicht wurde. Die Stichprobe umfasst auch Lehrer an Heilpädagogischen Waldorfschulen. Bernhard Schmalenbach hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, diesen Teil der Daten näher zu beleuchten und auszuwerten.

Bernhard Schmalenbach: Damit ist die erste empirische Arbeit zu Lehrern an heilpädagogische Waldorfschulen entstanden, und sie wird mit bemerkenswertem Interesse von den Schulen selbst aufgenommen.

Frage: Das heißt, die Ergebnisse werden von den Schulen wahrgenommen und haben Einfluss auf die pädagogische Arbeit?

Manfred Trautwein: Ganz genau. Wir sind sehr dankbar, dass diese Studie zustande gekommen ist. Wir haben sie im Rahmen der Plenar‐Tagung der Arbeitsgemeinschaft Heilpädagogischer Schulen vorgestellt und die Ergebnisse diskutiert. Das hat definitiv eine Selbstreflexion angeregt.

DR: Darüber freuen wir uns sehr. Noch vor 15 Jahren war man gegenüber empirischer Forschung im Waldorfbereich sehr reserviert. Heute ist sie auch hier zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Frage: Gleich zu Beginn der Studie zeigt sich, dass Waldorflehrer gesucht werden – auch von
heilpädagogischen Waldorfschulen. Auf was müssen sich angehende Lehrerinnen und Lehrer
einstellen, was sind die größten Unterschiede zum Lehrerberuf an klassischen Waldorfschulen?

Hendrik van Woudenberg: Die Lehrerinnen und Lehrer an heilpädagogischen Schulen müssen grundsätzlich über ein breites Spektrum an Fähigkeiten und Wissen verfügen. Sonderpädagogische, heilpädagogische, medizinische und psychiatrische Kenntnisse und Kompetenzen sind hier gefragt. Das hängt damit zusammen, dass die Lehrkräfte mit extremeren Verhaltensformen umgehen können müssen. Das erfordert ein größeres Repertoire an Handlungsmöglichkeiten. Ein weiterer Unterschied ist, dass an Heilpädagogischen Waldorfschulen Kinder beschult werden, die man mit ihrer jeweiligen Besonderheit erreichen möchte. Es ist ein differenziertes Vorgehen.

BS: Dazu kommt noch der Faktor Klassengröße. An einer Waldorfschule gehen wir von 28 bis 40 Schülern pro Klasse aus, an einer Heilpädagogischen Schule von rund zehn. Im Heilpädagogischen Feld muss die Brücke zum Kind stärker und intensiver gebaut werden.

HvW: Wichtig ist auch, dass Lehrerinnen an heilpädagogischen Waldorfschulen sich stärker mit dem Umfeld vernetzen müssen. Sie haben Kontakt zu Therapeuten, zu Jugendämtern, zu Sozialämtern.

MT: Diese Vernetzung ist auch intern nötig. Als heilpädagogischer Lehrer bin ich gewohnt, im Team zu arbeiten. Das ist per se bei einem Waldorflehrer erst mal nicht so, sondern bei ihm kommt es darauf an, die große Klasse als Einzelpersönlichkeit begleitend führen zu können. Als heilpädagogischer Lehrer muss ich z. B. mit Klassenhelfern, Integrationsfachkräften, Freiwilligendienstleistenden und Therapeuten zusammenarbeiten.

Frage: Inklusion und Integration spielen nicht zuletzt seit Inkrafttreten der UN‐Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen eine zunehmend wichtige Rolle. Gibt es den Unterschied zwischen Heilpädagogischer Schule und Regelschule irgendwann nicht mehr?

DR: Die Überschneidungsfelder zwischen Heilpädagogischen Schulen und Regelschulen sind
fließender geworden. Laut der aktuellen ikidS‐Studie der Universität Mainz sind beispielsweise rund ein Viertel aller Schüler an Regelschulen von chronischen Krankheiten bzw. von körperlichen, psychischen oder psychosozialen Beeinträchtigungen betroffen.

MT: In der Tat ist davon auszugehen, dass die Grenzen zwischen Förder‐ und Regelschulen geringer werden, es eine immer größere Vielfalt schulischer Angebote geben wird und sich dadurch auch die Anforderungen wandeln, die an Waldorflehrer gestellt werden. Auch sie müssen immer individueller und mit sehr viel mehr therapeutischem Wissen und Kompetenzen arbeiten. Allerdings gibt es aus heutiger Sicht ganz sicher auch Grenzen inklusiver Bildungsangebote. Trotz vieler Bemühungen ist es meines Wissens bisher nirgends gelungen, alle Schülerinnen und Schüler, z. B. auch solche mit sehr hohem Förderbedarf im Bereich emotionale und soziale Entwicklung, in inklusiven Schulen zu halten. Deswegen gehe ich davon aus, dass es weiter spezialisierte Schulangebote geben wird, obwohl wir uns natürlich weiter um ein Höchstmaß an sinnvoller Inklusion bemühen sollten.

BS: Ich kann mir vorstellen, dass immer mehr Schüler mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ inklusiv beschult werden können. Und dass sich damit die Schülerstruktur an den Förderschulen verändert.

Frage: Das würde bedeuten, dass nur noch Schüler, die nicht integriert werden können, heilpädagogische Schulen besuchen. Welche sinnvollen Alternativen wären denkbar?

MT: Die Schulen versuchen selbst, Alternativen zu entwickeln. Wir als Bundesverband unterstützen das. Ein Beispiel ist die heilpädagogische Bettina‐von‐Arnim‐Schule in Marburg. Dort wurde ein Konzept für eine waldorfpädagogische Grundschule entwickelt, in der die Schülerinnen und Schüler in den ersten vier Jahren inklusiv lernen und anschließend unterschiedliche Bildungswege gehen können. Diese waldorfpädagogische, inklusive Grundschule soll – an einem Ort und in einem Gebäudekomplex – Teil der Bettina‐von‐Arnim‐Schule werden, die mit den Förderschwerpunkten Lernen, emotional‐soziale sowie geistige Entwicklung, bis hin zu wachkomatösen Kindern bereits heute sehr breit aufgestellt ist.

BS: Die Voraussetzungen der Waldorfpädagogik sind hierfür gut geeignet. Sie ist von ihrer Anlage ‚inklusiv‘, sowohl in Bezug auf das Verständnis der Schüler, als auch in methodisch‐didaktischer Hinsicht. Man könnte sich vor diesem Hintergrund sehr gut vorstellen, dass es Bildungsorte gibt, in denen Kinder zwar gemeinsam lernen und Klassenverbände bilden, aber nicht zu jeder Zeit und in allen Fächern, sondern in einer differenzierten Form – mit besonderer Betonung künstlerischer, handwerklicher und naturbezogener Aktivitäten, bis hin zum Angebot für Ausbildungen.

Frage: Die Anforderungen an Lehrer heilpädagogischer Schulen werden also immer komplexer. Die Studie zeigt, dass sich die Lehrer am besten auf diese steigenden Herausforderungen vorbereitet fühlen, die ein Lehramtsstudium plus Referendariat plus Waldorfzusatzausbildung absolviert haben. Welche Rückschlüsse ziehen Sie hier auf Ausbildung und Qualifizierung?

MT: Das Ergebnis, das Sie skizzieren, hat uns bestätigt, denn wir haben uns innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Heilpädagogischer Schulen in den letzten Jahren sehr intensiv mit Ausbildungsfragen beschäftigt. Wir sind dabei, gemeinsam mit der Alanus Hochschule einen Studiengang zu entwickeln, der einem staatlichen Sonder‐/Inklusionspädagogik‐Studium entspricht und die anthroposophischen heil‐ und waldorfpädagogischen Grundlagen integriert. Die Studie hat aber auch gezeigt, dass wir die Rahmenbedingungen an den Schulen weiter verbessern müssen, dazu gehören auch die Vergütungen der Kollegen. Natürlich gibt es auch andere attraktive Elemente wie das selbständige, selbstbestimmte Arbeiten.

Frage: Genau diesen Gegensatz zeigt die Studie: Auf der einen Seite sind die Lehrer unzufrieden mit ihrer finanziellen Situation, geben aber hohe Berufszufriedenheit an. Wie passt das zusammen?

DR: Berufliche Zufriedenheit hat sehr viel zu tun mit der Möglichkeit, selbstbestimmt handeln zu können. Ich denke, das ist ein wesentliches Element bei Heilpädagogen – sie können ihre Schule selber mitgestalten, und das in einem sehr großen Rahmen. Für die Berufszufriedenheit spielt das Gehalt dann eine untergeordnete Rolle, was nicht heißt, dass es unwichtig ist.

Frage: Spielt eine spirituelle Lebenseinstellung eine Rolle bei der Berufszufriedenheit? Anders gefragt: Sollte man Anthroposoph sein, um als Lehrer an einer heilpädagogischen Waldorfschule glücklich zu werden?

DR: Man muss schon eine Affinität für das Menschenbild haben, auf dem die Waldorfpädagogik beruht. Ich gehe ja auch nicht in ein katholisches Gymnasium, wenn ich mit dem Christentum Schwierigkeiten habe.

BS: Ich betrachte die Anthroposophie als Orientierungsraum des Denkens und Handelns. Die Studie hat gezeigt, dass die Kollegen sehr individuelle Zugänge zur Anthroposophie haben. Es gibt Kollegen, die eher den künstlerischen Ansatz betonen, andere legen einen hohen Stellenwert auf die Selbstverwaltung; viele sehen in dem Grundverständnis vom Menschen eine gute Grundlage, Kinder auf individuelle Weise zu verstehen und zu begleiten. Da ist eine starke Vielfalt zu beobachten.

Frage: Sie haben gerade eine Besonderheit bei der Organisation von Waldorfschulen angesprochen, die Selbstverwaltung. Ein Thema, das nicht nur geschätzt, sondern auch regelmäßig ganz oben in der „Frustskala“ der Waldorflehrer geführt wird. Auch die aktuelle Studie zeigt, dass sich beispielsweise rund ein Drittel der Lehrer einen Rektor wünscht, an den man Verantwortung abgeben kann. Wie kann es sein, dass man zwar einerseits die Selbstverantwortung und die kollegiale Verantwortung schätzt, sich aber gleichzeitig einen Rektor wünscht, der die Führung übernimmt?

MT: Ja, das ist ambivalent. Es sind ja gleichzeitig ebenso viele, die noch die klassische Selbstverwaltung präferieren, das hat mich freudig überrascht. Die Studie zeigt an verschiedenen Stellen, dass der vorhandene Gestaltungsraum, auch wenn er manchmal als belastend empfunden wird, letztendlich etwas Positives darstellt. Stichwort Belastung: Gesundheitsmanagement sollte als wichtiger Punkt in die Selbstverwaltung aufgenommen werden. Herr Randoll, wie sehen Sie aus wissenschaftlicher Perspektive die Einwirkungsmöglichkeiten, eine gesundheitsförderliche Haltung zu entwickeln?

DR: Ein wichtiger Aspekt ist, welche Einstellung ich zu meinem Beruf habe. Wie groß definiere ich das Feld, das ich beeinflussen kann? Wenn man mit dem Anspruch an seinen Beruf herangeht, die ganze Welt durch sein Tun verändern zu wollen, ist Scheitern vorprogrammiert. Es muss überschaubar sein, was ich tue, es muss machbar sein. In diese Richtung könnte man arbeiten: Mit welchem Anspruch gehen Lehrer an ihre Tätigkeit, was brauchen sie dafür, welche Qualifikationen, welche Kompetenzen müssen entwickelt und welche Hilfestellungen zur Verfügung gestellt werden? Das Thema Erschöpfung ist ernst zu nehmen, wir müssen ein Gesundheitsmanagement etablieren und bekannter machen. Die Lehrer fordern sehr viel von sich selbst, um ihren Unterricht und ihre Schule gestalten zu können.

HvW: Ich halte es für sehr wichtig, dass man Grenzen setzt und mit sich selbst gut umgeht. Das kommt auch dem Unterricht zugute. Das hat auch mit Resilienz zu tun.

MT: Das ist ein wichtiges Stichwort. Die Anforderungen, welche die pädagogische Arbeit und die Selbstverwaltung mit sich bringen, sind enorm. Die Frage ist, wie ich in diesem Zusammenhang Resilienz‐Faktoren entwickeln kann, so dass ich mit den gegebenen Herausforderungen gut umgehen kann. Wie kann ich mich gezielt stärken, Optimismus, Akzeptanz und Lösungsorientierung entwickeln? Wie kann ich die kollegiale Zusammenarbeit so gestalten, dass ich gestützt und abgesichert werde? Es geht aber auch darum, ausreichend Ressourcen für die Arbeit bereitgestellt zu bekommen, dass sie die Aufgaben, die an sie gestellt werden, auch erfüllen können. Das fängt bei der Personalquote an und geht bis zu Weiterbildungsmaßnahmen. Leider müssen wir feststellen, dass rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit der Einführung inklusiver Bildung eher verschlechtert als verbessert werden. Hier sehe ich wichtige Aufgaben für uns als Anthropoi Bundesverband in Zusammenarbeit mit dem Bund der Freien Waldorfschulen, mit den uns angeschlossenen Schulen, Hochschulen und Lehrerseminaren.

In diesem Sinne wünschen wir eine weiterhin erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Alanus Hochschule und Anthropoi Bundesverband und bedanken uns herzlich für das Gespräch!

Hintergrundgespräch zur Studie „Lehrerinnen und Lehrer an heilpädagogischen Waldorfschulen. Eine explorative empirische Untersuchung“. Wiesbaden: Springer VS 2014, 116 Seiten, ISBN 978‐3‐658‐06810‐3. Hrsg. von Prof. Dr. Bernhard Schmalenbach, Prof. Dr. Dirk Randoll und Dr. Jürgen Peters