Inklusion und schulische Vielfalt

Symposion am Institut für Heilpädagogik und Sozialtherapie der Alanus Hochschule, Alfter

«Waldorfpädagogik und Heilpädagogik haben einen gemeinsamen Boden, auf dem Inklusion/Integration möglich ist und in Zukunft in wachsendem Masse möglich sein wird.»

Unter diesem Motto trafen am 19. Februar 2010 an der Alanus Hochschule Lehrtätige diverser Schulen und Modellprojekte, wissenschaftliche VertreterInnen und Angehörige von Kindern mit Behinderung zusammen, um in einen Austausch über die Idee der Inklusion zu kommen und den Dialog über gemeinsame pädagogische Perspektiven zu finden.

Den einführenden Vorträgen von Prof. Dr. Barbara Fornefeld und Prof. Dr. Rüdiger Grimm folgte eine Podiumsdiskussion mit Dr. Ulrike Barth, Matthias Braselmann, Sabine Bulk, Ludger Linneborn, Dr. Thomas Maschke, Prof. Dr. Jeanne Nicklas Faust und Fritz Schedelbauer, die, moderiert von Prof. Dr. Dirk Randoll, Position bezogen zu dieser durchaus komplexen Thematik. Zudem waren der Bund der Freien Waldorfschulen durch Brigitte Beckers und der Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und Soziale Arbeit durch Lothar Dietrich vertreten.

Das Symposion wurde in Zusammenarbeit mit der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik Mannheim und dem Institut für heilpädagogische Lehrerbildung Witten-Annen durchgeführt.

Leitidee Inklusion

Zum Auftakt führte Prof. Dr. Barbara Fornefeld von der Universität zu Köln in den aktuellen Stand der gegenwärtigen deutschsprachigen Fachdiskussion ein.
Infolge der im März 2009 in Deutschland ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention wurde diese Thematik in der jüngsten Vergangenheit seitens sämtlicher Medien, der entsprechenden Fachliteratur sowie in Expertenkreisen und Verbänden mit einer Fülle an Publikationen und Debatten in der Öffentlichkeit bereits intensiv erörtert. Hinsichtlich des Bildungswesens besteht demnach laut § 24 der UN-Behindertenrechtskonvention auch für Kinder mit körperlicher oder geistiger Behinderung ein Anspruch auf Unterricht an Regelschulen.

Inklusion statt Integration?

Die Deklaration von Bildung als ein allgemeines Menschenrecht stellt im Anschluss an den Paradigmenwechsel der Normalisierung und Integration der 80er Jahre einen weiteren Schritt in der Anerkennung von Menschen mit Behinderung und deren Chancengleichheit innerhalb eines inklusiven Bildungssystems dar. Trotz der 30jährigen Bemühungen der eher theoriestarken Integrationsbewegung und der 1994 in Salamanca/Spanien verabschiedeten Erklärung zur Integration als Aufgabe aller Schulen blieben Sondereinrichtungen in Deutschland weiterhin bestehen und führten nicht nur zur Stagnation, sondern bewirkten sogar einen Anstieg der Schülerzahlen an Sonderschulen.

Inklusive Pädagogik heißt Lernen in der Gemeinschaft

An dieser Stelle gewinnt die neue Maxime der Inklusion an Relevanz, die mit dem Grundsatz von Vielfalt und kompetenzorientierter Pädagogik nicht nur die ontologische Bestimmung von Behinderung aufheben will, sondern die Vision einer heterogenen Gesellschaft verfolgt. Im Sinne der ursprünglichen Wortbedeutung ‹inclusio› (Einschließung) definierte Frau Fornefeld inklusive Pädagogik als eine Pädagogik vom Individuum aus, d. h., nicht die Schülerin oder der Schüler passt sich an das System Schule an, sondern die Rahmenbedingungen der Schule gestalten sich der Schülerschaft entsprechend.

Mit Rekurs auf die Systemtheorie wies Barbara Fornefeld auf die enorme Komplexität gesellschaftlicher Systeme und deren Tendenz der ‹Exklusionsdrift›, der Ausdifferenzierung sozialer Strukturen insbesondere auf der Basis eines Inklusionsgebots hin.
Abschließend hob Frau Fornefeld als eindeutige Chance inklusiver Pädagogik neben dem Denken vom Kind aus auch die Vorteile gemeinsamen Lebens und Lernens in Gemeinschaft hervor, die sie in der anthroposophischen Heilpädagogik beispielhaft realisiert sieht.

Waldorfpädagogik und anthroposophische Heilpädagogik

Prof. Dr. Rüdiger Grimm verwies zunächst auf den infolge der UN-Behindertenrechtskonvention nochmals bekräftigten paradigmatischen Wechsel hinsichtlich des allgemeinen Rechts auf Beschulung in der Regelschule und stellte diesbezüglich die Frage, ob Waldorfpädagogik in diesem Wandlungsprozess eine exemplarische Rolle spielen könne.

Einer kurzen Retrospektive bezüglich der gemeinsamen Wurzeln von anthroposophischer Heilpädagogik und Waldorfpädagogik, wie sie in der ersten Waldorfschule in Stuttgart durch gemeinsame Förderung im Klassensystem selbst oder in der sogenannten Hilfsklasse ursprünglich gegeben waren, folgte der Blick auf die Genese der zwei seitdem relativ autonomen Parallel-Systeme, die dennoch zahlreiche Überschneidungen aufwiesen, wie beispielsweise die langjährige Zusammenarbeit im Bund der Freien Waldorfschulen belegt.

In jüngster Zeit sind interessante integrative Projekte entstanden, erste wissenschaftliche Untersuchungen erfolgt, es werden Gespräche aufgenommen und Tagungen zum Themenkomplex veranstaltet.

«Waldorfpädagogik integriert das heilpädagogische Prinzip in die Pädagogik»

(Andreas Möckel)

Im Folgenden brachte Rüdiger Grimm die Stärken der Waldorfschule als ‹Einheitsschule› mit ihrer hohen Toleranz gegenüber ausgeprägter Heterogenität in den Klassen, dem handlungspraktischem Lernkonzept und entwicklungsorientiertem Curriculum in Verbindung mit den Erfordernissen heilpädagogischen Unterrichts, der neben Fragen der sozialen Dynamik, Wertfragen an jedes individuelle Schicksal auch die Bedeutung praktischen Tuns, der Lernrhythmen sowie der individuellen Anbahnung von Lernprozessen fokussiert.

Heilpädagogik mit ihren Forschungstheorien hinsichtlich individueller, oft auch erschwerter (somatogener) Lernvoraussetzungen und personenbezogener didaktischer Konzepte könne die Grundlagen allgemeiner Waldorfpädagogik ergänzen. Inklusive Pädagogik korrespondiere, so Grimm, massgeblich mit ihren personalen Dimensionen ab. Das Risiko in der Klasse isoliert zu werden, sei für Kinder mit Behinderung dreifach höher als für andere.

Mut zur Wandlung

In Anerkennung der Fortschritte und Errungenschaften von Waldorfpädagogik und Heilpädagogik betonte Rüdiger Grimm dennoch die Notwendigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit Traditionen und etablierten Denkgewohnheiten. In diesem Zusammenhang sei die Entdeckung einer neuen Schulkultur erforderlich, die herkömmliche Konzepte hinterfragt und innovative Ideen zulässt. Kleinere Klassenzüge, eine höhere Durchlässigkeit der Strukturen, die Qualität von Ausbildungsfragen seien diesbezüglich ebenso zu diskutieren wie ein duales Klassenlehrerprinzip oder auch die Überwindung des Zwei-Gruppen-Denkens.

Inklusion bedeutet Pluralität

Bei allem Enthusiasmus für die Idee ‹Inklusion› gelte es allerdings auch, weder der Tyrannei von Utopien zu erliegen (Andreas Hinz), noch, wie Urs Häberlin und Ferdinand Klein forderten, den Realitätsbezug zu verlieren. In diesem Kontext seien auch Gefahren zu berücksichtigen und vor allem die Bedenken Betroffener zu hören, die mitunter ‹exklusive Bildung› sehr zu schätzen wissen, wie das Ergebnis einer Studie von Rensinghoff zeige.

Inklusion im Sinne einer pluralen Gesellschaft bedeute, so Grimm, eine Erweiterung vielfältiger Bildungsangebote. Dabei könnte Schule entstehen, die nicht dem Erfüllungsdruck gesellschaftlicher Maximen unterliegt, aber dem Stern von Leitideen folgt.

Idee und Wirklichkeit – Erfahrungen mit Integration und Inklusion

In der nun anschliessenden Diskussion bestand im Prinzip Konsens über die Brisanz der Thematik für ‹Regel-Waldorfschulen› und ‹Heilpädagogische Waldorfschulen›. Infolge der UN- Behindertenrechtskonvention stelle sich der Anspruch auf Teilhabe nicht mehr als Bitte dar, sondern als grundlegendes Recht. Es bestehe die allgemeine Aufgabe, ein differenziertes Bildungssystem zu entwickeln und damit der Appell an die Waldorfpädagogik, sich an der Debatte zu beteiligen, Stellung zu beziehen und selbstbewusste Profile zu entwerfen. Durch gegenseitige Vernetzung, methodische Transparenz und alternative Unterrichtsformen in Verbindung mit reduzierten Klassengrössen könnten Synergieeffekte entstehen. Einen wesentlichen Aspekt stelle hinsichtlich dessen das „Teamteaching“ dar, eine Unterrichtsform, bei der zwei oder mehrere Lehrende eine Unterrichtseinheit gemeinsam vorbereiten, durchführen und auswerten. Die prinzipiell integrationsfördernden Grundelemente der Waldorfpädagogik könnten mithilfe anregender Instrumente, wie den Index of Inclusion, ergänzt und erneuert werden, wobei dies allerdings nur unter der Bedingung der Offenheit und Bereitschaft aller Beteiligten, alte Gewohnheiten aufzugeben und neue kreative Potentiale aufzutun, gelingen könne.

Risiken bei der Umsetzung

Hinsichtlich der Frage von Grenzen der Inklusion wurde ermutigt, sich flexibel den Herausforderungen zu stellen, neue Antworten zu suchen und Bedingungen zu schaffen, die auch herausfordernden Kindern eine Chance bieten.
Gegenüber der Gefahr, die Inklusion staatlicherseits als Sparmodell zu missbrauchen, sollten Konzepte entwickelt werden, die auch Kindern ohne Behinderung Vorteile bieten. Ferner besteht diesbezüglich die Notwendigkeit, neue Wege zu erschliessen und finanzielle Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen, wie beispielsweise durch Kooperationen, aber auch durch deutliche Signale gegenüber politisch Verantwortlichen.

Perspektiven für Waldorfschulen und anthroposophische Heilpädagogik

Beim abschliessenden Austausch diskutierten, moderiert von Dr. Götz Kaschubowski, Brigitte Beckers vom Bund der Freien Waldorfschulen und Lothar Dietrich als Vertreter der Verbandes für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit über Perspektiven zukünftiger Zusammenarbeit.

Das Thema Inklusion, so Brigitte Beckers, liege trotz der grossen Aufmerksamkeit, die es auf der Ebene des Bundesverbandes der Freien Waldorfschulen geniesst, dem Bewusstsein einzelner Schulen angesichts vieler anderer zu bewältigender Probleme noch sehr fern. Nichtsdestotrotz habe Waldorfpädagogik immer den Anspruch gehabt, heilende Erziehung zu sein. Auch hier bestünde die Notwendigkeit individueller Erziehung. Inklusion fordere dazu heraus, bisherige Methoden in Frage stellen zu dürfen und dem Wesentlichen anthroposophischer Pädagogik nachzuspüren, wenngleich der gemeinsame Schlüssel einer zukünftigen Zusammenarbeit die Kinderkonferenz sein dürfte.

Als konkrete Ideen wurden neben der Optimierung der Lehrerausbildung hinsichtlich diagnostischer Themen und Bindungstheorien auch gemeinschaftsbildende Aspekte genannt. Zudem könne ein personeller Austausch und kollegiale Beratung hilfreich sein.
Neuorientierungen in den Einrichtungen müssten von Verbandseite aktiv unterstützt werden.

Insgesamt kann dieses Symposion nicht nur aufgrund der unerwartet hohen Resonanz und der profunden Beiträge als gelungen erachtet werden. Es kann auch als erfolgsversprechender Auftakt für eine Aufgabe gewertet werden, die in Zukunft nur mit grossem Engagement, Kreativität und innovativen Ideen unter dem Leitbild einer Bildungsidee, die jedem Menschen gerecht wird und nur in gegenseitiger Offenheit für bereichsübergreifende Zusammenarbeit bewältigt werden kann.

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