Maximilian Buchka, Jahrgang 1943 ist mit einer Afrikanerin aus Ghana verheiratet und hat fünf Kinder. Nach einem Lehramts- und Sonderpädagogikstudium war er Lehrer und Rektor an einer Schule für Kinder mit geistiger Behinderung. Daran anschliessend war Buchka 26 Jahre Professor für Sonderpädagogik, Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaft an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln, davon 10 Jahre als Dekan. Unter seinen Publikationen sind besonders zu nennen ein Handbuch zur Pädagogik (mit Badry und Knapp), zwei Monographien zur sonderpädagogischen Unterrichtsdidaktik, zur religiösen Erziehung und Bildung bei geistig Behinderten, ein Sammelband zu den Lebensbildern bedeutender Heilpädagogen im 20. Jahrhundert (mit Grimm und Klein) und eine Monographie zum Thema “Ältere Menschen mit geistiger Behinderung”. Maximilan Buchka war als Lehrbeauftragter für Sonderpädagogik u.a. tätig an den Universitäten Köln und Dortmund, der Hochschule für Anthroposophische Pädagogik in Mannheim und hat seit acht Jahren eine Gastprofessor an der Comenius Universität Bratislava/Slowakei für Europäische Heil- und Sonderpädagogik inne.
Was führt sie an die Alanus Hochschule?
Meine Gastprofessur ist dadurch begründet, dass ich Mitglied der Projektgruppe war, die zwei Jahre lang den Master-Studiengang in Heilpädagogik hier in Alfter konzipiert hat, und durch meinen Lehrauftrag für Allgemeine Heil- und Sonderpädagogik und Erwachsenenbildung im MA-Studiengang Heilpädagogik. Durch die beiden Aktivitäten sowie durch die gute kooperative Zusammenarbeit und menschliche Arbeitsatmosphäre mit den Kollegen begründet sich meine Motivation für eine noch engere Mitarbeit in der Fakultät der Bildungswissenschaft, insbes. der Heilpädagogik. Und natürlich: weil mir die Arbeit mit den Studierenden Spaß macht und ich den jungen Menschen helfen kann, ihre Persönlichkeit zu bilden.
Welche fachlichen Schwerpunkte haben Sie?
Aus meiner Berufsbiografie ergibt sich, dass ich mich für die schulische Sonderpädagogik interessiere. Aus meiner jahrzehntelangen Arbeit in der außerschulischen Sonderpädagogik gehe ich seit einiger Zeit der Frage nach dem Altern und Alter bei Menschen mit geistiger Behinderung nach. Ebenfalls ergibt sich aus meiner Berufsbiografhie ein Interesse für die international vergleichende sonderpädagogische Forschung.
Welche persönlichen Erlebnisse waren für Ihren Zugang zur Heil - und Sonderpädagogik besonders wichtig?
Zugang eröffnete mir meine persönliche Erfahrung vor 40 Jahren in einer der sog. “Anstalten” für geistig Behinderte in Westfalen. Dort arbeitete ich morgens in der Schule als Lehrer, am Nachmittag war ich in einer Schwerstbehindertengruppe tätig. Ohne Material, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schweinestall mit Hunderten von Zuchtschweinen, ohne konzeptionelle Vorbilder, nur mit Phantasie ausgestattet und mit der Intention, Lebenshilfe für die “Patienten” zu geben. Das ließ in mir die Motivation und den Willen aufkommen, Sonderpädagogik zu studieren. So schrieb ich mich an der Uni Köln ein und legte als 5. Student in NRW das Examen als Sonderpädagoge für Schüler mit Geistiger Behinderung ab.
Wie haben sich die Aufgabenstellung und die Ausrichtung Ihres Fachgebietes in den vergangenen Jahren/Jahrzehnten verändert?
Als ich 1974 als Lehrbeauftragter an der Universität Köln und an der Katholischen Hochschule das Fach Sonderpädagogik unterrichte, war der Blick noch ganz stark auf das Differenzielle gerichtet, zum Beispiel auf die Abgrenzungen zwischen geistiger Behinderung und Lernbehinderung. Sonderpädagogik war damals ganz selbstverständlich Sonder-Schul-Pädagogik. Sonderpädagogik selbst wurde als “besondere” Pädagogik verstanden, die mit besonderen Methoden und didaktischen Zugehenweisen zu arbeiten hatte. Heute versteht sich die Sonderpädagogik entweder als eine Pädagogik, die die besonderen Erziehungsbedarfe behinderter Kinder und Jugendlicher herauszufinden hat, diese aber mit möglichst gleichen Methoden wie die der Regelpädagogik abdecken will. Dadurch ist sie praktisch eine Variante der integrativen/inklusiven Erziehungskonzeption geworden. Zum anderen wird die Sonderpädagogik als integrale Pädagogik betrachtet: Indem sie als allgemeine Sonderpädagogik alle speziellen Erziehungsansätze für Menschen mit Gefährdungen, Störungen und Behinderungen zusammenfasst und für die Arbeit mit ihnen einen gemeinsamen wissenschafttheoretischen Gegenstand und eine forschungsmethologische Arbeitsbasis schafft. Letztlich will sie auch für alle diese Variationsformen wissenschaftliche und anthropologische Erklärungsmodelle anbieten.
Sehen Sie grundlegende Unterschiede zwischen schulischer und außerschulischer Heil- und Sonderpädagogik?
Diese Frage kann nur mit “zum Teil” beantwortet werden. Wenn es um menschenkundliche und sozialkulturelle Probleme geht, arbeiten beide Teilbereiche identisch. In der praktischen Erziehungs- und Bildungsarbeit gibt es wohl schon deutlichere Unterschiede:
Die schulische Sonderpädagogik, wie der Name schon sagt, beschäftigt sich mit Schülern mit Beeinträchtigungen in der Lebensaltersspanne “Schulkindzeit”, ob in der Regel- oder Förderschule und damit, wie sie trotz ihrer Einschränkungen angeleitet und begleitet werden können, um sich und die Welt zu erschließen – mit Hilfe schulisch-unterrichtlicher Didaktik und Methodik.
Die außerscherschulische Heil- und Sonderpädagogik richtet sich auf alle Lebensaltersspannen und integriert Methoden und Handlungskonzepte aus den Spezialitäten der Arbeitsfelder (Frühförderung, Kindergarten, Freizeit- und Werkstätten für behinderte Menschen, Alltagsbegleitung in vielfältigen Wohnformen sowie aus Spezialitäten der Erwachsenen- und Altenbildung).
Durch diese Universalität der Lebensaltersspannen und Arbeitfselder ergeben sich für mich die gravierendsten Unterschiede zwischen schulischer und außerschulischer Heil- und Sonderpädagogik.
Welche gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen haben gegenwärtig und in Zukunft einen entscheidenden Einfluss auf die Situation von Menschen mit Behinderungen und ihre Begleiter und welche Fragen und Probleme werden in der Heil- und Sonderpädagogik zu wenig behandelt?
Die Beantwortung dieser Frage ist vom Problembewusstsein und von der Interessenlage des Befragten abhängig. Für mich kann ich sagen, dass ich noch zu wenige Forschungsergebnisse und Gedankenkonstrukte zur Frage der sonderpädagogischen Geragogik finde, obwohl alle Insider wissen, dass mit dem demografischen Faktor den sonderpädagogischen Einrichtungen ein großes Problem zuwächst. Ebenfalls scheint die sonderpädagogische Arbeit mit den sozialen Netzen (Familie, kooperierende Gemeinschaften und Verbände etc.) noch nicht genug im Fokus der Forschung zu stehen. Weiterhin: Der gesellschaftliche Pluralismus, der für mich mit einem Konsensverlust der humanen Werte einhergeht, bringt für die Menschen mit Behinderungen oft eine mangelnde Akzeptanz ihrer Situation mit sich. Wir müssen ihnen gegenüber solidarisch sein, damit auch sie zu ihrem Sein und ihrer Lebensform kommen können. Damit sind wichtige sozial-ethische Fragestellungen in der Sonderpädagogik angesprochen, die für mich noch vertieft werden müssen.
Das Thema Inklusion wird gegenwärtig, insbesondere in Zusammenhang mit der UN – Behindertenrechtscharta, intensiv diskutiert. Was unterscheidet diese Diskussion und ihre Rahmenbedingungen von der ‚ersten Welle’ der Normalisierungs- und Integrationsbemühungen in den 70er Jahren?
Bei der Diskussion um die Normalisation haben wir den Menschen mit Behinderungen noch in seinem Lebenskreis belassen, jedoch mit dem Ziel, diesen mit sogenannten ‚normalen‘ Bedingungen auszustatten, wie wir dies für uns als selbstverständlich beanspruchen. Die Integrationsdebatte brachte das Bewusstsein dafür, dass Menschen mit Behinderung einen Anspruch darauf haben, dass wir sie in unser Lebensumfeld aufzunehmen haben. Integrationsziel war damals, sie in unsere Erziehungs- und Bildungsangebote (inkl. Einrichtungen) zu “integrieren”, z. B. in Integrationsklassen der Regelschule oder Integrationsgruppen im Kindergarten. Erst durch die neue Frage der Inklusion ist uns bewusst geworden, dass die Menschen mit Behinderungen nicht zu uns, in unsere Lebenswelt, zu holen sind, sondern dass alle Menschen von Anfang an gemeinsam leben, wobei einige von uns - man spricht dann auch nicht mehr von “behinderten” Mitmenschen - in einem mehr oder weniger großen Umfang Lebens- und Bildungsbegleitungen benötigen.
Dieses Ideal haben wir heute im Kopf, wie dieses aber in der heutigen Gesellschaft auch gelebt werden kann, muss abgewartet werden.
Wie sehen Sie die Zukunft der Heil- und Sonderpädagogik angesichts der Bemühungen um Inklusion verändern? Was bedeutet dies für das künftige Berufsbild der Heilpädagogen und Sonderpädagogen?
Die Aufgabe der Heil- und Sonderpädagik in einer inklusiven Erziehungs- und Bildungsgemeinsamkeit sehe ich zum einen darin, Gesellschaft und Politik auf den angesprochenen Bedarf an besonderer Lebensbegleitung für Menschen mit einem erhöhten Förderbedarf aufmerksam zu machen.
Zum anderen gilt es, die didiaktisch-methodischen Formen der sonderpädagogischen Individualisierung und Differenzierung zu verfeinern - übrigens ein uraltes Gestaltungsprinzip schon seit der Reformpädagogik - so dass von dieser methodischen Organisationsform her betrachtet alle lernenden Menschen, mit und ohne Zusatzbegleitung, profitieren können.
Zum Dritten bleibt festzuhalten, dass trotz aller Bemühungen um das gemeinsame Lernen für Extremformen von Lernerschwerungen (z. B. bei Menschen mit Komplexbeeinträchtigung) nach wie vor heil- und sonderpädagogische Hilfen vorgehalten werden müssen, damit sie - im Extremfall - die Existenz der Betroffenen gesichert werden kann.
Zum Vierten wird es aber eine große Veränderung in der Professionalisierung geben. Getrennte Studiengänge (hier Regel- und dort Sonderpädagogenausbildungen) kann es so nicht mehr geben. Jeder Pädagoge muss von der Profession des anderen Pädagogen so viel wissen, dass er in der inklusiven Erziehung und Bildung allen Lernenden gerecht werden kann.
Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, dass anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie auch im Bereich der Hochschulen präsent ist?
Es gehört zur wissenschaftlichen Redlichkeit und Fairness, dass möglichst alle geistigen Kulturgüter von uns Lehrenden an die Studierenden vermittelt werden sollten, zumindest gehören sie angesprochen oder genannt. In Respekt vor den Menschen, die in Vergangenheit und Gegenwart diese geistigen Kulturgüter geschaffen haben, bzw. im Augenblick schaffen, und in der festen Überzeugung, dass wir durch die Auseinandersetzung mit ihnen unsere eigenen Ideen noch stärker schärfen oder abschleifen können, ist es für mich unabdingbar, soviel wie möglich diese anderen (vielleicht auch für den Moment befremdlich wirkenden) geistigen Kulturgüter kennen zu lernen. Durch die Auseinandersetzung mit allen uns unbekannten Ideen lernen die Studierenden einerseits den menschlichen Geist verstehen, der diese Ideen hervorgebracht hat, und andererseits üben sie sich in wissenschaftliches Denken ein. Dazu gehört auch, dass sie lernen, ihre eigenen Vorstellungen und Ideen vor dem Hintergrund anderer Erklärungsmodelle kritisch in Frage zu stellen, um dadurch zu einer ausgewogenen Urteilsbildung zu kommen.
In diesen Kontext sehe ich auch die anthropsophische Heilpädagogik und Sozialtherapie an Hochschulen. Sie konfrontiert die Studierenden mit neuen Begriffen, einem transzendenten Menschenbild und mit einer Ethik, die über die Gegenwart und das Diesseits hinausreicht.
Wenn man in der modernen Heil- und Sonderpädagogik wieder beginnt, nach dem Menschen selbst zu fragen, seinem Ursprung und seiner Zukunft, kann man die anthroposopohische Sichtweise von Heil-/Sonderpäfdagogik und Sozialtherapie nicht ausklammern.
So betrachtet, gehört die anthroposophische Heilpädagogik und Sozialthreapie unbedingt zum historischen Erbe und zum gegenwärtigen Wissenschaftsdiskurs der Disziplin der Heil- und Sonderpädagogik dazu. Sie muss berücksichtigt werden bei der Konstruktion neuer Erklärungsmodelle zum Verständnis von Behinderung und zum Umgang mit Menschen, die eine solche aufweisen - wenn man den Anspruch erheben will, alle, wirklich alle, geistigen Denkmodelle mit einbezogen zu haben. So wie ich gefordert habe, dass die anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie eine angemessene wissenschaftliche Berücksichtigung in Lehre und Forschung in den Hochschulen erhalten muss, so ist es im Umkehrschluss ebenso wichtig, dass in den Studienstätten der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie der wissenschaftliche Diskurs mit der sog. “akademischen” Heil- und Sonderpädagogik gesucht werden muss. Er ist nötig, damit man auch hier die eigenen Begrifflichkeiten, Menschenbildfragen, ethischen Verantwortlichkeiten, subjekt- und objektorientierten Gegenwartsbestimmungen etc. kritisch hinterfragt, um dass eigene Wissenschaftsprofil an den anderen Erklärungsmodellen zur Heilpädagogik und Sozialtherapie zu schärfen. Auf diesen Diskurs immer wieder hinzuweisen und ihn zu begleiten, das sehen ich als eine meiner Aufgaben im Studiengang der Heilpädagogik an der Alanus Hochschule an.