Fachbereich Bildungswissenschaft der Alanus Hochschule

Waldorfpädagogik / Schule und Unterricht, Kindheitspädagogik, Heilpädagogik, Lehramt Kunst, Pädagogische Praxisforschung

Interview mit Professor Klünker zur Anthroposophie des 21. Jahrhunderts

kluenkerAnlässlich seiner Ernennung zum Professor an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft gab Wolf-Ulrich Klünker ein aufschlussreiches Interview über Wissenschaft als Lebenshaltung. Darüber hinaus beantwortete er Fragen zur zeitgemäßen Anthroposophie und dem Zukunftsblick des Alanus ab Insulis.

Eine Anthroposophie des 21. Jahrhunderts

Sie wurden heute zum Professor ernannt, herzlichen Glückwunsch! Ihre Lehr- und Forschungsgebiete sind „Philosophie und Erkenntnisgrundlagen der Anthroposophie“. Was genau können wir uns darunter vorstellen?

Wolf-Ulrich Klünker: Die Formulierung gibt in kurzer Form wieder, warum die Professur eingerichtet wurde. Es geht um Anthroposophie als Wissenschaft und um Anthroposophie im Kanon der verschiedenen Wissenschaftsgebiete. In der Vergangenheit sind eher die Inhalte und die Anwendungsgebiete der Anthroposophie, beispielsweise in Pädagogik und Therapie, viel weniger aber ihre Erkenntnisgrundlagen in den Blick genommen worden. Dadurch wurde vielfach gerade in der Außenwirkung nicht deutlich, dass Rudolf Steiner die Anthroposophie dezidiert als zukunftsfähige Wissenschaft, nämlich als sogenannte „Geisteswissenschaft”, begründet hat. In der Weiterentwicklung der Anthroposophie hat Steiner später die wissenschaftliche Intention auch durch die Begründung der Hochschule für Geisteswissenschaft zum Ausdruck gebracht. Zu den Erkenntnisgrundlagen dieser Wissenschaft gehört ihre geistesgeschichtliche Entwicklung aus dem Platonismus und dem Aristotelismus; diese geistesgeschichtlich-philosophische Dimension soll einen der Schwerpunkte meiner Arbeit bilden. Dazu kommt die Aufgabe, die Intention der Anthroposophie als Wissenschaft im Werk ihres Begründers herauszuarbeiten und, daran anknüpfend, die zentrale Frage nach einer wissenschaftlich diskursfähigen und menschenkundlich weiterführenden Anthroposophie des 21. Jahrhunderts zu stellen. Mit dieser Ausrichtung steht die Professur wohl weltweit einzigartig da. Ich habe den Eindruck, dass die Alanus Hochschule ein ausgezeichneter Ort ist, um weitere Schritte zu einer spürbaren wissenschaftlichen Repräsentanz der Anthroposophie erarbeiten können.

Was motiviert Sie, hier an der mit Hochschule tätig zu sein?

Klünker: Forschung braucht das Milieu junger Menschen und sich entwickelnder geistig-menschlicher Kompetenz. Anthroposophische Forschung braucht die direkte menschlich-geistige Begegnung gerade auch unterschiedlicher Zugangsweisen. Mein Eindruck ist, dass beides an der Alanus Hochschule lebt. Ich wünsche mir, dass ich vieles, das wir bisher in unserer Forschungsstelle für Psychologie (für die ich weiter zuständig bleibe) erarbeitet haben, in die hiesige Begegnung mit Studenten und Kollegen einbringen kann. Zudem möchte ich durch die Kooperation der Alanus Hochschule mit unserer Turmalin-Stiftung einen Beitrag zur Herausbildung eines gewissen geisteswissenschaftlich-spirituellen Aspektes von Forschung leisten. Damit ist nichts Obskures gemeint, nicht einmal etwas Esoterisches, vielmehr geht es mir um diejenige Dimension von Erkenntnis, durch die Wissenschaft zur Lebenshaltung und zu einer biografisch tragenden Kraft werden kann. Gerade dafür freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit den Studenten und Kollegen.

Sie haben sich in Ihrer Forschungstätigkeit auch mit dem Namensgeber der Hochschule, Alanus ab Insulis, auseinandergesetzt. Inwiefern finden Sie seine Ideen heute an der Hochschule wieder?

Klünker: Alanus ab Insulis steht für eine nicht szientistisch reduzierte Wissenschaft, für eine Wissenschaft, in der der im Menschen begründete Zusammenhang von Erkenntnis, Kunst und spiritueller Intention berücksichtigt wird. Dazu gehört beispielsweise die Anschauung, dass ich mich durch jede ernstgemeinte Wahrheitsfrage selbst entwickele, dass jeder Erkenntnisbereich letztlich darauf angewiesen ist, dass ich als Erkennender mich auf eine solche Selbstentwicklung, die auch schwierig werden könnte, einlassen kann. Für mich ist vor vielen Jahren eine Aussage des Alanus wegweisend geworden: „Es ist überliefert, dass der Glaube in Zukunft überflüssig sein und seine Nachfolge die Wissenschaft sein wird und damit die sichere Erkenntnis. So wird das Verständnis ein anderes sein als das heutige rätselhafte…“ Damit blickt Alanus aus dem 12. Jahrhundert auf eine zukünftige Wissenschaft, die den „Glauben“, also die individuelle existentielle Ausrichtung, in sich aufnehmen kann. Eine Wissenschaft als „Nachfolge“ des Glaubens bedeutet sowohl die Vertiefung der Wissenschaft zum Leben hin als auch die Erhöhung der Lebensgrundlagen in ein wissenschaftliches Bewusstsein hinein. Die Wissenschaft wird existentiell und das Leben wissenschaftlich, d.h. bewusstseins- und wahrheitsfähig. Wir haben uns zu fragen, was dieser Zukunftsblick des Alanus mit unserer Gegenwart zu tun hat. Für mein Empfinden richtet sich die Sehnsucht vieler Menschen auf eine solche Wissenschaft, die vielleicht heute eingelöst werden könnte. Die Alanus Hochschule knüpft durch ihren Namen an diese Wissenschaftstradition an und kann aus ihrem Geist heraus arbeiten.

Welche Bedeutung sollte Anthroposophie heute in der Hochschulbildung haben?

Klünker: Zur Hochschulbildung im engeren Sinne könnte Anthroposophie beispielsweise eine Sensibilisierung für geistige Selbstaktivierung beitragen: für ihre erkenntnistheoretische, biografische und auch „therapeutische“ Bedeutung. Als Wissenschaft, deren Perspektive geistige Selbstaktivierung einbezieht, zielt Anthroposophie auf die Grenzen des erkennenden Bewusstseins. Eine Grenze des erkennenden Bewusstseins besteht in der Berührung des Seins: Spiegelt die wissenschaftliche Erkenntnis nur gegebenes Sein oder kann sie wirklichkeitsschaffend werden? Gibt es neben einer deskriptiven, die Wirklichkeit beschreibenden Erkenntnis auch eine proskriptive, die ihren Gegenstand wesentlich entwickelt? Eine Formulierung Rudolf Steiners, die in diese Richtung weist, lautet: „Der Mensch wird zunehmend zu dem, als was er sich zu denken vermag.“ Eine zweite Grenze betrifft die wissenschaftliche Erkenntnis geistiger Dimensionen. So behandelte die wissenschaftliche Psychologie seit ihrer Entstehung – in den Büchern „Über die Seele“ des Aristoteles – bis in das 19. Jahrhundert die Frage nach der nachtodlichen Existenz der Individualität ganz selbstverständlich als wissenschaftliches Problem. Erst die neuere Psychologie hat diesen Bereich an die Religion delegiert – hier ist zumindest eine ernsthafte Würdigung einer solchen historischen Entwicklung vonnöten. Dass eine lange Wissenschaftstradition das Verständnis von Individualität auf die Denkbarkeit eines leibfreien Seins gründete, kann man im 21. Jahrhundert nicht mehr einfach ungeprüft als „überholte“ geschichtliche Kuriosität betrachten.

Herzlichen Dank für das Gespräch!