Fachbereich Bildungswissenschaft der Alanus Hochschule

Waldorfpädagogik / Schule und Unterricht, Kindheitspädagogik, Heilpädagogik, Lehramt Kunst, Pädagogische Praxisforschung

Waldorfpädagogik im Dialog

Das Interesse an Waldorfpädagogik wächst – nicht erst seit dem Interesse an alternativen Bildungsansätzen nach dem „PISA-Schock“. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Erziehung und Bildung spielt die auf Rudolf Steiner zurückgehende Pädagogik allerdings eine marginale Rolle. Welche Wege geht die Alanus Hochschule, um die Waldorfpädagogik im akademischen Diskurs zu etablieren?

Die mit der ersten Waldorfschule in Stuttgart von Rudolf Steiner begründete Waldorfpädagogik hat sich mit 220 Waldorfschulen in Deutschland und knapp 1.000 Schulen weltweit – hinzu kommen Kindergärten und heilpädagogische Einrichtungen – zu einem der meist verbreiteten Reformschulmodelle entwickelt. Trotz dieses Erfolges ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Waldorfpädagogik bisher nur rudimentär und zum Teil unter ideologischen Vorbehalten erfolgt. Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive war und ist die Waldorfpädagogik mit dem Ruf der Vor- bzw. Unwissenschaftlichkeit behaftet. Ihre anthroposophischen Grundlagen erscheinen weltanschauungsbelastet und mit einem modernen Wissenschaftsverständnis unvereinbar. Auf der anderen Seite muss festgestellt werden, dass sich die Waldorfpädagogik in ihrem Selbstverständnis über Jahrzehnte in einem Binnendiskurs bewegt hat. Die verwendeten Sprachformen und Termini verließen selten die Hermetik waldorfpädagogischer Selbstvergewisserung. Damit befindet sie sich innerhalb der Erziehungswissenschaft in einem Zustand relativer Isolation.

Das Potenzial liegt im Dialog
Der Fachbereich Bildungswissenschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Waldorfpädagogik aus ihrem wissenschaftlichen „Dornröschenschlaf“ herauszuführen. In Forschung und Lehre soll zwischen Erziehungswissenschaft und Waldorfpädagogik ein Dialog auf Augenhöhe etabliert werden. Hierin liegt für beide Seiten ein großes Entwicklungspotenzial: Die Erziehungswissenschaft wird um das Konzept einer am Menschen ausgerichteten, anthropologisch fundierten Pädagogik bereichert, in deren Zentrum die Freiheitsentwicklung als zentrales Bildungsgut steht. Die Waldorfpädagogik kann sich mit den Erkenntnissen und Befunden der allgemeinen Erziehungswissenschaft produktiv auseinandersetzen und deren Forschungs- und Reflexionsniveau in ihre Entwicklung integrieren.

“Warum ist die Akademisierung von Waldorfpädagogik wichtig?
Ein akademisches Studium der Erziehungswissenschaften mit waldorfpädagogischem
Schwerpunkt ist ein Befreiungsschlag. Studenten müssen nicht mehr vor dem Studium entscheiden, ob sie ihren Beruf z.B. an einer Waldorfschule in freier Trägerschaft oder an einer staatlichen Schule ausüben. Zudem eröff net die akademische Ausbildung neue Lern- und Forschungsfelder. Das lebendige, dialogische Klima einer wissenschaftlichen Hochschule entwickelt Waldorfpädagogik und ihre Didaktik qualitativ weiter. Die Schwelle ihrer Wahrnehmung in Fachkreisen wird sinken. Für Kollegien in staatlichen Schulen wird es leichter, sich für Erfahrungen aus der Waldorfpädagogik zu öff nen. Deshalb ist die Akademisierung von Waldorfpädagogik ein sehr wichtiger, zeitgemäßer Schritt in die Zukunft.”
Lukas Beckmann, Zukunftsstiftung Bildung in der GLS Treuhand e.V.

Der Blick in weitgehend unerschlossene Gebiete eröffnet viele Möglichkeiten
Dieser Dialog steht im Zentrum der pädagogischen Studiengänge an der Alanus Hochschule. Die Studierenden blicken über den Tellerrand der üblichen erziehungswissenschaftlichen Diskussion in die bisher wenig erschlossenen Gebiete der Waldorf- und Reformpädagogik und sind so in ihrer pädagogischen Reflexions- und Handlungskompetenz breiter aufgestellt.

Schwerpunkt Schulforschung
Neben den Studiengängen bildet die Forschung im Bereich der Waldorfpädagogik einen wichtigen Bestandteil der Arbeit im Fachbereich Bildungswissenschaft. Insbesondere die empirische Forschung hat dazu geführt, dass die Waldorfpädagogik über den engen Kreis ihrer Sympathisanten hinaus positiv wahrgenommen und diskutiert wird. Im vergangenen Jahrzehnt wurden zahlreiche Felder der pädagogischen Praxis an Waldorfschulen empirisch untersucht. Kaum eine andere Schule aus der klassischen Reformpädagogik hat sich für die Forschung so weit geöffnet.

Anthroposophie als Grundlage
Dennoch stellen die theoretischen Grundlagen der Waldorfpädagogik und ihr Geltungsanspruch für die Erziehungswissenschaft weiterhin eine Herausforderung dar. Über den Wissenschaftscharakter der Waldorfpädagogik und über die Anschlussfähigkeit ihrer Konzepte und Praxen herrscht in weiten Bereichen
des Faches Dissens und Unklarheit. Im Fachbereich Bildungswissenschaft gibt es deshalb auch Forschungsprojekte, die sich mit den Grundlagenfragen der Anthroposophie und ihrer wissenschaftlichen Verortung beschäftigen. Den anthroposophischen Denkansatz als Alternative in den (erziehungs-) wissenschaftlichen Diskurs in Form eines unideologischen und offenen Austauschs einzubringen, ist das Ziel und die Herausforderung des Fachbereiches Bildungswissenschaft an der Alanus Hochschule.

Jost Schieren über Anthroposophie
Im Zentrum der Anthroposophie steht die Freiheitsfähigkeit des Menschen. Rudolf Steiner begreift die natürliche Welt, die wir zivilisatorisch durch unser antiökologisches Verhalten im 20. und 21. Jahrhundert bis an die Grenze ihrer Existenzfähigkeit bringen, als geistige Schöpfung, die unsere Achtung und einen ethisch angemessenen, nachhaltigen Umgang erfordert. Der Mensch ist nach Steiner aus dieser natürlichen Evolution als bewusstseinsfähiges und damit freiheitsveranlagtes Wesen hervorgegangen. Er hat die Möglichkeit, sich selbst zu bestimmen und seinen Einsichten zu folgen. Das Ideal der menschlichen Entwicklung, für das die Anthroposophie in vielen Lebensfeldern (Landwirtschaft, Medizin, Kunst, Ökonomie, Pädagogik usw.) Verwirklichungsbeispiele entworfen hat, liegt darin, dass der Mensch seine Freiheit in sozialer und ökologischer Harmonie entwickelt.

Jost Schieren, Professor für Schulpädagogik mit Schwerpunkt Waldorfpädagogik, leitet den Fachbereich Bildungswissenschaft sowie das Institut für Schulpädagogik und Lehrerbildung an der Alanus Hochschule.